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Span­platten­techniker

Ein Beruf, den es nicht gibt, über ein Material, das überall ist.

Mein Bruder hat Tischler gelernt. Da hat man noch echtes Holz bearbeitet, gesägt, gehobelt, verzapft und verleimt, und am Ende stand etwas Schönes, etwas Wertvolles, gebaut für ewige Zeiten.

Heute kommt das Möbelstück im Karton. Was da drinliegt, ist selten Eiche. Es sind Späne, Leim und Druck. Genau daher hat diese Seite ihren Namen: Den Spanplattentechniker gibt es nicht, und trotzdem ist er inzwischen überall.

Nur ganz so einfach ist es eben doch nicht, denn die Spanplatte ist besser als ihr Ruf. Sie arbeitet kaum, sie ist in jeder Größe verfügbar, sie kostet einen Bruchteil, und sie verwertet Holz, das sonst niemand haben will. Sie hält bloß keine hundert Jahre. Das war auch nie ihr Auftrag.

Berufsbild

Der Spanplattentechniker ist kein anerkannter Ausbildungsberuf. Er entsteht spontan, meist an einem Sonntagnachmittag, und immer ohne Vorbereitung. Zu seinen Aufgaben gehören:

  • das Sortieren von siebenundvierzig Beschlägen auf dem Wohnzimmerteppich
  • die Deutung von Bildtafeln ohne Text
  • die Feststellung, dass Seitenteil C spiegelverkehrt montiert wurde, nach Anziehen der letzten Schraube
  • der Umgang mit der Rückwand, die man vor Schritt 6 hätte einschieben müssen

Die Ausbildung dauert ein Möbelstück. Danach gilt man als erfahren und macht dieselben Fehler wieder, nur schneller.

Was eine Spanplatte ist

Spanplatten bestehen aus Holzspänen, die mit Klebstoff vermischt und unter Hitze und hohem Druck zu Platten gepresst werden. Als Rohstoff dienen Sägerestholz, Durchforstungsholz und Recyclingholz, also Material, das für Bretter zu klein oder zu schlecht ist.

Die üblichen Platten sind dreischichtig aufgebaut. Innen liegen grobe Späne, die für Dicke und Steifigkeit sorgen. Außen liegen feine Späne, die eine glatte Oberfläche ergeben, auf der sich Furnier, Melamin oder Folie beschichten lässt. Das erklärt die typische Schwäche: Die Fläche trägt gut, die Kante bröselt.

Plattentypen nach EN 312

Die Norm unterscheidet Platten danach, ob sie Lasten tragen müssen und ob sie feucht werden dürfen. Für Möbel ist praktisch immer P2 im Einsatz.

Plattentypen P1 bis P7 nach EN 312
Typ Belastung Umgebung Typisch für
P1nicht tragendtrockenRückwände, Schubkastenböden
P2nicht tragendtrockenMöbel, Innenausbau
P3nicht tragendfeuchtMöbel in Feuchträumen
P4tragendtrockenUnterböden, Ständerwände
P5tragendfeuchtUnterböden mit Feuchtebelastung
P6hoch belastbartrockenSonderkonstruktionen
P7hoch belastbarfeuchtSonderkonstruktionen

Feuchtbereich heißt hier: Die Platte verträgt zeitweise hohe Luftfeuchte. Sie verträgt kein stehendes Wasser. Eine aufgequollene Spanplatte geht nicht wieder zurück.

Formaldehyd

Die Späne werden meist mit Harnstoff-Formaldehyd-Harz verklebt, und daraus kann über Jahre Formaldehyd ausgasen. Deshalb gibt es Grenzwerte. Über Jahrzehnte war die Klasse E1 der Maßstab, seit 2020 gilt in Deutschland ein deutlich strengerer Prüfmaßstab, der die alte Marke praktisch halbiert.

Für den Alltag reicht eine einfache Regel: Neue Möbel riechen anfangs, das legt sich. Gut allseitig beschichtete und bekantete Platten gasen weniger aus als offene Schnittkanten. Wer empfindlich ist, achtet auf emissionsarme Kennzeichnungen und lüftet die ersten Wochen häufiger.

Der Vergleich

MDF

Aus Fasern statt Spänen, dadurch homogen bis in die Kante. Lässt sich fräsen und direkt lackieren, ist aber schwerer und teurer.

OSB

Grobe, gerichtete Langspäne. Stabiler und für den Konstruktionsbau gedacht, dafür grob in der Optik.

Sperrholz

Kreuzweise verleimte Furnierlagen. Fest, formstabil, hält Schrauben gut, kostet aber ein Vielfaches.

Massivholz

Arbeitet mit dem Raumklima, will entsprechend konstruiert werden, und hält dafür länger als der, der es gebaut hat. Siehe oben, Stichwort Tischlerlehre.

Verarbeitung

  • Immer vorbohren. Spanplatten reißen sonst an der Kante auf.
  • Spanplattenschrauben verwenden, nicht irgendwelche. Das grobe Gewinde ist genau für diesen Werkstoff gemacht.
  • In die Stirnseite gehört möglichst keine tragende Schraube. Bei Belastung besser Dübel, Einschlagmuttern oder Korpusverbinder.
  • Alle Kanten schließen, auch die, die niemand sieht. Offene Kanten ziehen Feuchtigkeit.
  • Beim Sägen mit feinem Zahn arbeiten, sonst reißt die Beschichtung aus. Der Staub gehört nicht in die Lunge, Absaugung und Maske sind kein Luxus.
  • Gegen durchhängende Böden hilft eine aufgeleimte Leiste an der Vorderkante mehr als jede stärkere Platte.

Wie es aussieht, wenn die Sorgfalt fehlt, zeigt mit einem Augenzwinkern Fachlich-Fraglich.de: Fundstücke zwischen Pfusch und Perfektion, externes Angebot, öffnet in einem neuen Tab.

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